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Begegnungen mit der Natur
Von den Geistern der Orte
Der römische Schriftsteller Marcus Tullius Cicero, der in den Jahren 53 -
Im Jahr 743 wurden Christen durch das Konzil von Liftinae die Verehrung der Natur bei schwerer Strafe untersagt. Verboten wurden kultische Feiern und Opferungen in den Wäldern und Bergen, die Verehrung besonderer alter Bäume und Haine, die Verehrung von Quellen und Flüssen, von alten (Grab)Hügeln und von hohen Felsen und einzelnen als heilig angesehenen Steinen, die Verehrung von Sonne und Mond und das Anzünden heiliger Feuer zu den Sonnwenden. Zum Aberglauben erklärt wurde auch die Respektierung von Orten, die man nicht betreten sollte, weil dort den Menschen feindlich gesinnte, dämonische Mächte wohnten (Unstätten). Auch sollten keine Kräuterbündel mehr gesammelt und aufgehängt und keine Unheil abwehrenden Kräuter, Sträucher und Bäume um Haus und Hof gepflanzt werden.
Dabei haben Pflanzen den Menschen vom Beginn seiner Existenz an begleitet und ihm Wohnung, Nahrung, Kleidung und Schutz gewährt. Bei Naturvölkern lebt noch der Glaube, die Menschen seien baumentsprossen und – wie auch die Tiere – Kinder der Pflanzenwelt. Den Pflanzen und Pilzen des Waldes schrieb man zu, von Naturgeistern bewohnt zu sein. Man glaubte, dass diese Wesen sich in den Pflanzen manifestierten und auch mit den Menschen kommunizierten. In Mythen und Sagen finden sich noch viele Erinnerungen an Begegnungen mit den Waldgeistern, die sich den Menschen in Gestalt der „Wilden Leute“, als Holz-
Mit der Lockerung staatlicher und kirchlicher Unterdrückung und der Zunahme bürgerlicher Freiheiten begann im 18. Jahrhundert-
Von der romantischen Bewegung beeinflusste Maler wie Joseph Anton Koch, Caspar David Friedrich, Karl Friedrich Schinkel, Ludwig Richter, Moritz von Schwind, Karl Blechen u.a. stellen in ihren Bildern magisch-
Die Bilder der Romantik sollen erwecken, meinte Heinrich Heine. „Sie sind die kostbaren, goldenen Schlüssel womit, wie alte Märchen sagen, die hübschen verzauberten Feengärten aufgeschlossen werden.“ Auf einem Bild von Schwind schreitet der urige Berggeist Rübezahl selbstbewusst und kraftvoll durch die Wälder des Riesengebirges. In anderen Bildern des Malers schwimmt eine Nymphe wie selbstverständlich unter dem Boot eines Reisenden. Eine Fee schwebt zwischen den Bäumen auf einen fasziniert blickenden Wanderer zu und unter einem steilen Weg, den sie für einen dankbaren Rittersmann gebahnt haben, tummelt sich munter eine Zwergengesellschaft. Bei Caspar David Friedrich muss man länger hinsehen, bis man in seiner Zeichnung eines modernden Baumstumpfes den darin wohnenden Geist wahrnimmt. Es sind Bilder den Betrachter in sonderbar traumentrückte Welten und Zeiten entführen.
In solchen Bildern wurde mit der Abbildung von Gewittern, Nebeldünsten, Regenbögen, Schnee, Sonnenuntergängen und dem silbernen Schein des Mondes der besondere Geist eines Ortes beschworen, den die Poeten auch in Worten zu fassen versuchten. Von dem Dichter Ludwig Tieck (1773-
Johanna Schopenhauer, die Mutter des Philosophen Arthur Schopenhauer, eine engagierte Reisende, findet bei der Durchreise durch Gelnhausen, dass die Stadt ein wundersames, märchenhaftes Aussehen hat. Versunkene Trümmer alter Herrlichkeit erblickt sie: „Uralte Mauern, mit Efeu bedeckte graue Türme, zwischen denen die neuen Häuser wunderlich dastehen, gaben dem ganzen Ort ein rätselhaftes Aussehen, und die alte Sage, daß die Liebe des Kaisers (Barbarossa) zu dem wunderschönen Fräulein Gela ihm Namen und Entstehen gab, versetzte uns vollends ins wilde romantische Land, in welchem sich die Phantasie so gern ergeht.“
Der Fürst von Pückler-
Goethe, der mit auguralen Praktiken sehr vertraut war, sah in der Weissagung, die sich aus der Betrachtung der Natur ergibt („wenn die Natur ihr offenbares Geheimnis zu enthüllen anfängt“), die höchste Kunst: „Sie erkennet aus dem Offenbaren das Verborgene, aus dem Gegenwärtigen das Zukünftige, aus dem Todten das Lebendige und den Sinn des Sinnlosen.“
Geübt hatte Goethe das Schauspielern schon, als er in seiner Heimat¬stadt Frankfurt am Main seine Mitbürger mit einem Geisterspuk narrte. Bettina von Arnim erzählt davon. „Einmal zur Herbstlese, wo denn in Frankfurt am Abend in allen Gärten Feuerwerke abbrennen und von allen Seiten Raketen aufsteigen, bemerkte man in den entferntesten Feldern, wo sich die Festlichkeit nicht hin erstreckt hatte, viele Irrlichter, die hin und her hüpften, bald aneinander, bald wieder eng zusammen. Endlich fingen sie gar an, figurierte Tänze aufzuführen. Wenn man nun näher drauf los kam, verlosch ein Irrlicht nach dem anderen, manche taten noch größere Sätze und verschwanden, andere blieben mitten in der Luft und verloschen dann plötzlich, andere setzten sich auf Hecken und Bäume, weg waren sie. Die Leute fanden nichts, gingen wieder zurück, gleich fing der Tanz von vorne an, ein Lichtlein nach dem anderen stellte sich wieder ein und tanzte, um die halbe Stadt herum. Was war’s? – Goethe, der mit vielen Kameraden, die sich Lichter auf die Hüte gesteckt hatten, da draußen herumtanzte.“
Als Goethe 1765 zum Studium nach Leipzig fuhr, begegneten ihm auf dem Weg zwischen Hanau und Gelnhausen bei Nacht einmal auch wirkliche Irrlichter: „Ich sah an der rechten Seite des Wegs, in einer Tiefe, eine Art von wundersam erleuchtetem Amphitheater. Es blinkten nämlich in einem trichterförmigen Raume unzählige Lichtchen stufenweise übereinander, und leuchteten so lebhaft, daß das Auge davon geblendet wurde. Was aber den Blick noch mehr verwirrte, war, daß sie nicht etwa stillsaßen, sondern hin und wieder hüpften, sowohl von oben nach unten, als umgekehrt und nach allen Seiten.“
Ansichten von den Wunderbarkeiten der Natur
Mit ihren umfangreichen Sammlungen von Sagen, Märchen und Mythen gelang es den Brüdern Grimm und einem Kreis gleichgesinnter Freunde „die alte Ansicht von der Wunderbarkeit der Natur“ dem Vergessen zu entreißen: „Und in all den Sagen von Geistern, Zwergen, Zauberern und ungeheuren Wundern ist ein stiller, aber wahrhaftiger Grund vergraben, vor dem wir eine innerliche Scheu tragen, welche in reinen Gemütern die Gebildetheit nimmer verwischt hat und aus jener geheimen Wahrheit zur Befriedigung aufgelöset wird“, schreibt Jacob Grimm 1808 in einem Beitrag für Achim von Arnims „Zeitung für Einsiedler“.
Die Hinwendung zur Natur geschah sehr unterschiedlich: Dem Wunsch der einen, die Natur zu erforschen, stand der Wunsch anderer, die Natur zu erleben, zu erfahren, sich in ihrer grenzenlosen Vielfalt zu verlieren, gegenüber. Goethe z. B. wollte Wolken klassifizieren, sie in ein System bringen, sie erforschen. Er führte ein ‘Wolkendiarium’ (Wolkentagebuch), in das er Wolkenformen nach der Typologie von Howard einzeichnete und nach Cirrus-
Um den ursprünglichen Sinn der Welt wiederzufinden, muß (wie Novalis in einem berühmt gewordenen Aphorismus sagte) die Welt romantisiert werden: „Indem ich dem (All)Gemeinen einen hohen Sinn, dem Gewöhnlichen ein geheimnisvolles Ansehn, dem Bekannten die Würde des Unbekannten, dem Endlichen einen unendlichen Schein gebe, so ro-
Staunen über den Weltgeist
Jacob Grimm hat nach Spaziergängen in der Umgebung von Marburg notiert, dass er sinnig umhergehe und doch nichts sehe: „Meine Gedanken sind nicht hier. Dann sitze ich unter einem Weidenbaum und sehe nichts weiter als die schöne Gegend, aber plötzlich fällt mir ein, daß ich so einsam dasitze. Dann mache ich nur, um wieder nach Hause zu kommen.“
Spazieren zu gehen, ohne ein Ziel zu haben („und nichts zu suchen war mein Sinn“), beflügelte auch Goethe. Als Jugendlicher, beim Gang über die große Mainbrücke in Frankfurt am Main konnte, wie er in „Dichtung und Wahrheit“ schreibt, der schöne Fluss seine Blicke träumerisch auf sich ziehen und ihn in der Phantasie an einen anderen Ort entführen. Von hier aus wanderte Goethe weiter zur Gerbermühle. Diesen Spaziergang hat er in seiner Dichtung „Faust“ als Osterspaziergang verewigt. Vom Balkon, der außerhalb Frankfurts malerisch am Main gelegenen Gerbermühle, in der in späteren Jahren zeitweise ein Zimmer für ihn reserviert war, beobachtete er gern Sonnenuntergänge. Die Farbenglut am Himmel, auf dem Wasser und in den Bergen bezauberten ihn außerordentlich.
Als er sich nach einem gesellschaftlichen Skandal, in den er als junger Mann verwickelt war, sehr unglücklich und von seinem Freundeskreis enttäuscht fühlte, zog es ihn eine Zeitlang tagtäglich in die Einsamkeit der Wälder um Frankfurt, um „mein armes verwundetes Herz darin zu verbergen“. Im Zeichnen von Bäumen kamen seine aufgewühlten Gefühle zur Ruhe. Zu Bäumen hatte Goethe ein ganz besonderes Verhältnis. Mit ihrer „stillen, leidlosen Vegetation“ gaben sie ihm Erbauung und Trost. Dass ein „ehrwürdiger“ Wacholderbaum, der in seinem Weimarer Garten am Stern noch aus alter Zeit stand, 1809 von einem gewaltigen Sturm niedergeworfen wurde, erfüllte ihn mit Wehmut. Diesen „Zeugen glücklicher Tage“ ließ er vermessen, zeichnen und aus seinem Holz kleine Gebrauchsgegenstände fertigen, die in seinem Haushalt besonders in Ehren gehalten wurden. In seinem letzten Lebensjahr ließ er sich von Weimar nach Martinroda fahren und suchte dort eine alte, von ihm verehrte Eiche auf, die er über sechzig Jahre hin immer wieder einmal besucht hatte.
Als Goethe auf weiteren Wanderungen den sagenumwobenen Feldberg im Taunus bestieg, und vom Gipfel aus sich umsah, lockte ihn die Ferne gewaltig. Bei einem mehrtägigen Ausflug gelangte er zu Fuß bis Biebrich am Rhein. Vom Gang durch die Landschaft erheitert, machte er sich „zufrieden und froh“, schreibt er, wieder auf den Rückweg nach Frankfurt. Es mag die Erinnerung an diese Erlebnisse gewesen sein, die ihn 1814 und 1815 erneut am Rhein und Main umherreisen und seine Eindrücke in einem Buch („Über Kunst und Althertum in den Rhein-
Wie sehr der Geist eines Ortes ein empfindsames Gemüt packen kann, zeigt die Beschreibung des Malers Peter von Cornelius von seiner Wanderung zum Taunus-
Den Willen der Götter erkunden
Im Dezember 1777 unternahm Goethe von Weimar aus einen 500 km langen und 16 Tage dauernden „wunderlichen“ Ritt durch Schlamm und Schnee in den Harz. Diese Reise unternahm er heimlich. Sie war eine Wallfahrt in die Einsamkeit, ein Abenteuer, das man (wie er selbst sagte) bizarr nennen könnte. Am 29. November brach er noch vor dem Morgengrauen in Weimar auf. Briefe, die er an seine Vertraute, Frau vom Stein, schrieb, chiffrierte er in Bezug auf die Absendeorte.
Einen Bussard, der damals von Jägern und Vogelstellern als „Geyer“ bezeichnet wurde, den er beim Ritt in den Harz „im düstern und von Norden her sich heranwälzenden Schneegewölk“ über sich schweben sah, nahm er -
Die Natur als Orakel zu nutzen, war Goethe nicht neu. Schon bei einer Lahnwanderung im Jahre 1772 hatte er mit Hilfe eines ins Wasser geworfene Messer darüber orakelt, ob er besser die Laufbahn eines bildenden Künstlers einschlagen sollte oder sich ganz der Dichtkunst widmen sollte.
Am 1.12. besucht er die Baumannshöhle bei Rübeland und verbringt am 2. Dezember sinnend den Tag darin. Am 6.12. schreibt er, er habe einen Wunsch an den Vollmond: „Wenn ihn die Götter erhöhren, wärs großen Dank werth.“
In einem Fremdenbuch trägt er sich am 8.12. als Johann Wilhelm Weber, Maler aus Darmstadt, ein und reist inkognito weiter. Am 9. Dezember entgeht er um Haaresbreite dem Tod. Auf seinen Begleiter fällt in einem Bergwerk ein Stück Erde von 5 Zentnern Schwere, das Goethe nur um Haaresbreite verfehlt. Am 10.12. war er mit einem Führer durch tiefen Schnee zu dem am Fuß des Brockens gelegenen Torfhaus heraufgestapft. „Wie ich“, schreibt Goethe, „zum Torfhause kam sas der Förster bei seinem Morgenschluck in Hemdsermeln, und diskursive redete ich vom Brocken und er versicherte die Unmöglichkeit hinauf zu gehen, und wie offt er Sommers droben gewesen wäre und wie leichtfertig es wäre iezt es zu versuchen – Die Berge waren im Nebel man sah nichts, und so sagt er ists auch iezt oben, nicht drey Schritte vorwärts können Sie sehn. Und wer nicht alle Tritte weis pp. Da sas ich mit schwerem Herzen, mit halben Gedancken wie ich zurückkehren wollte. Und ich kam mir vor wie der König den der Prophet mit dem Bogen schlagen heisst und der zu wenig schlägt. Ich war still und bat die Götter das Herz dieses Menschen zu wenden und das Wetter, und war still ... So sagt er zu mir: nun können Sie den Brocken sehn, ich trat ans Fenster und er lag vor mir klar wie mein Gesicht im Spiegel, da ging mir das Herz auf und ich rief: Und ich sollte nicht hinaufkommen! haben Sie keinen Knecht, niemanden – Und er sagte ich will mit Ihnen gehen!“
Dass Johann Christoph Degen, der seit 13 Jahren als Förster amtierte und der noch nie im Winter den Brocken bestiegen hatte, so plötzlich einwilligte, war für Goethe der Anfang vom erhofften Wunder. Am 11. Dezember erreichte Goethe sein Ziel: „Früh nach dem Torfhause in tiefem Schnee. 1 viertel nach 10 aufgebrochen von da auf den Brocken. Schnee eine Elle tief, der aber trug. 1 viertel nach eins droben, heitrer herrlicher Augenblick, die ganze Welt in Wolcken und Nebeln und oben alles heiter.“ Die geglückte Besteigung nahm Goethe als Zeichen der Götter, dem Wunsch des Herzogs, dass er in Weimar ab sofort in der Regierung mitarbeiten sollte, zuzustimmen.
Jahre später beschrieb Goethe in einem Aufsatz, wie seine Empfindun¬gen gewesen waren, als er auf dem Gipfel des Brockens gestanden hatte: „Auf einem hohen nackten Gipfel sitzend und eine weite Gegend überschauend, kann ich mir sagen: hier auf dem ältesten ewigen Altare, der unmittelbar auf die Tiefe der Schöpfung gebaut ist, bring‘ ich dem Wesen aller Wesen ein Opfer. Ich fühle die ersten, festesten Anfänge unsers Daseins; ich überschaue die Welt, ihre schrofferen und gelinderen Thäler und ihre fernen fruchtbaren Weiden, meine Seele wird über sich selbst und über alles erhaben und sehnt sich nach dem näheren Himmel.“
Literaturverzeichnis
– Badische Zeitung vom 5.1.2001 / IV: „Tapfer dahingelebt“
– G. Bott, H. Vogel, Hessen in romantischer Zeit, Hanau 1979
– Cicero, Von der Weissagung, München 1967
– Frankfurter Rundschau vom 23.3.1999, Beilage: „Der Osterspaziergang“
– H. Gruner, Opfersteine Deutschlands, Leipzig 1881
– H. Heckmann, W. Michel, Frankfurt mit den Augen Goethes, Frankfurt/Main 1982
– Justinus Kerner, Ausgewählte Werke, Stuttgart 1981
– Ludwig Laistner, Nebelsagen, Stuttgart 1879
– Michael Müller-
– Rudolf Muuss, Die altgermanische Religion nach kirchlichen Nachrichten aus der Bekehrungszeit der Südgermanen, Bonn 1914
– Anja Petz, Goethe und die Kunst, Begleitheft zur Ausstellung in Frankfurt am Main und Weimar, 1994
– Stefan Schneckenburger, Goethe und die Pflanzenwelt, Palmengarten Sonderheft 29, Frankfurt/Main 1999
– J. Schneider, Deutsche Landschaften, Frankfurt am Main 1981
– Albrecht Schöne, Götterzeichen -
– Claus Sommerhage, Deutsche Romantik, Köln 1988
– Ludwig Steinfeld, Chronik einer Straße, Horb 1990
Von Trugbildern, Zufallsbildern und akustischen Erregungen der dritten Art
Als ich 2002 in Erfurt den Künstler und Bildhauer Marko Pogačnik auf einer geomantischen Erkundung durch die Stadt begleitete, fand ich eine Äußerung von ihm sehr hilfreich. Manchmal, sagte er, zeigen sich Naturgeister in ihrem jeweiligen Element den Augen der Menschen, zumindest in Andeutungen.
Bei Spaziergängen in der Natur beobachte ich schon immer, dabei stets die Ausführungen von Edwin Rausch, meinem Professor an der Frankfurter Uni, über figural-
Was und wer zeigte sich nicht alles in den amorphen Strukturen von Blättern, auf Rinden, auf Steinen und Felsen, im Feuer oder im Wasser: Amöbische Vielfüßler, Monster, schreiende offene Münder, Fabelwesen, Totenschädel, Zwerge, Salamander, Tintenfische und geheimnisvolle Schriftzeichen, die entziffert werden wollten. Ich wurde(um nur mal einige zu nennen) gut Freund mit Frau Blattmuhme, den Herren Rautenmaul, Hohlauge, Vulkano, Schiefmaul, Spitznase, Ohrator und Mr. Sauertopf. Sogar Kuhfladen boten sich frecher weise dem Auge als belebt an.
Wenn ich mit Kindern unterwegs war, war ich erstaunt, mit welcher Begeisterung sie sich auf ein solches Suchspiel einließen. Pädagogen fragen sich mittlerweile, ob eine animistisch-
In Workshops zeigte ich, anfänglich etwas zögerlich, meine „Porträtstudien“ über den Beamer. Zu meinem Erstaunen identifizierten die Teilnehmer ohne mein Zutun die jeweiligen Wichte. Außerdem erkannten sie auf den Bildern weitere „Geisterchen“, die mir vorher gar nicht aufgefallen waren.
Manchmal kann man auf Felswänden ganze „Ahnengalerien“ solcher Wesen beobachten, so z.B. auf der Felsengruppe der Externsteine, der Felsengruppe der Wilhelmsteine im Scheldwaldt (Hessen), auf einer Felswand auf dem Weg von Bad Bertrich zur Antoniusruh am Ursbach, auf den Felswänden über Gondo, einem Schweizer Ort an der Grenze zu Italien, oder auf dem Munder Stein im Wallis. Je nach Tageszeit, Licht und der Nähe /Ferne entstehen aus den amorphen Strukturen immer neue Konfigurationen für das anthropomorphisierende Auge. Den Menschen früherer Jahrhunderte kam das wie das magische Gaukelspiel unterirdischer Mächte vor. Eine klassische Unstätte für den Christen: „Bleib bloß weg!“
Kleine Leute, „Zwergli“, sollen im Munder Stein (der nicht von ungefähr auch Teufelsstein genannt wird) leben, heißt es in Überlieferungen. Der Stein wurde denn auch mit einem eisernen Kreuz exorziert. Die Bewohner, die Geister dieses Ortes, hat es bisher nicht gestört. Unverschämt und aufdringlich zeigen sie sich weiterhin den Augen der Menschen.
Auf der Insel Menorca lädt eine ganz kleine Bucht, die Cala Rafalet, Einheimische, Residents und Touristen zum Schwimmen vor einer fantastischen Felskulisse ein. Schnorchler, Taucher und Nacktbader finden hier ihr Paradies. Als „una cala virgen de extrema belleza“ beschreiben spanische Reiseführer das märchenhafte Örtchen. Am Anfang der Bucht gibt es etwas Sand und viele Steine, auf das Schönste geformt vom Spiel der Wellen. Setzt man sich hinzu und schließt die Augen, bietet sich den Ohren eine akustische Performance der Sonderklasse. Das Wasser rumpelt, gurgelt, sprudelt, trommelt, seufzt, grollt, droht, plappert und rauscht. Es offenbart das geheime Wissen der Geister des Ortes in (s)einer eigenen Sprache.